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AAA Games Review / Test

Die untoten Augen von London: ZombiU

Launch-Lineups neuer Konsolen sind selten mit Top-Titeln gespickt und da machte auch Nintendos Wii U keine Ausnahme. Die Entwickler müssen ein Stück weit Pionierarbeit leisten, Spezifikationen können sich noch während der Entwicklung ändern und die Tools sind meist noch nicht ganz ausgereift. Obendrein besteht immer die Gefahr, dass die Plattform schlecht startet und der Absatzmarkt damit unerwartet klein ausfällt. Sogar Nintendo selbst hatte offenbar ein paar Schwierigkeiten und so gab es zum Start der Wii U im November 2012 fast ausschließlich Fortsetzungen und Portierungen bereits bekannter Marken zu kaufen. Umso überraschender ist es, dass einer der wenigen wirklich neuen Titel ausgerechnet von Ubisoft kam. Und obwohl der Name ZombiU kaum platter sein könnte, ist es tatsächlich kein Zombie-Spiel wie jedes andere.

Jahrhunderte nach der Pest und dem großen Feuer erlebt London eine noch viel schrecklichere Katastrophe. Im Jahre 2012 erfüllt sich die Schwarze Prophezeiung und die Hauptstadt fällt erneut einer unheimlichen Krankheit zum Opfer. Diesmal sterben die Leute nicht einfach, sie verwandeln sich in Zombies. Auf eurer panischen Flucht durch die Straßen hört ihr plötzlich eine Stimme, die euch über einen Lautsprecher in einen der U-Bahnhöfe navigiert. Euer Retter erklärt euch, dass er ein sogenannter Prepper ist und hier einen improvisierten Unterschlupf hat. Er gibt sich geheimnisvoll und spricht ausschließlich über Funk mit euch, aber er ist gewillt, euch Zuflucht zu gewähren, wenn ihr euch im Gegenzug um den Unterschlupf kümmert und Aufträge für ihn erledigt.

Der Nebenraum in der Metro dient fortan als zentraler Hub, von dem aus ihr die restliche Spielwelt erkundet und zu dem ihr immer wieder zurückkehrt, um eure Ausrüstung zu verwalten. Es gibt eine Kiste, in der ihr eine begrenzte Anzahl an Objekten ablegen könnt. Ihr könnt euch regenerieren und natürlich könnt ihr hier auch speichern. In einer Ecke steht auch noch eine Werkbank, wo ihr später verschiedene Eigenschaften eurer Schusswaffen verbessern könnt, sofern ihr die passenden Upgrades gefunden habt. Ähnliche Schutzräume sind über die ganze Spielwelt verteilt, aber Zugriff auf eure eingelagerten Objekte habt ihr nur im Hub.


Plattform: Wii U, PC, PS4, Xbox One
Release: 30. November 2012
Entwickler: Ubisoft Montpellier
Publisher: Ubisoft
Genre: Survival-Horror, 1st-Person, Action
Meine Spielzeit: ca. 14h
Preis: 15 – 20 €
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Falsche Erwartungen

Anfangs erweckt ZombiU noch den Eindruck als wärt ihr in einer Art Open-World, aber recht bald merkt ihr dann, dass diese Version von London alles andere als offen ist. Die Areale mögen hier und dort etwas größer ausfallen, aber sie sind ganz klar mit Ladebildschirmen voneinander getrennt. Es ist bei genauerer Betrachtung sogar sehr linear und weite Teile der Spielwelt werden erst zugänglich, wenn ihr bestimmte Punkte in der Handlung erreicht habt. Die Tatsache, dass ihr jederzeit bereits besuchte Gebiete erneut erforschen könnt, ist zwar nett, das Spiel belohnt euch aber kaum dafür.

Wenn man sich vorab nur etwas Promo-Material anschaut, dann könnte man außerdem denken, dass es ein Ego-Shooter ist, aber auch das stimmt nur bedingt. Im Gegensatz zu Dead Rising oder Dying Light bekommt ihr es in ZombiU nur in Ausnahmefällen mit ganzen Horden zu tun. Insbesondere die ersten Areale beheimaten selten mehr als eine handvoll Zombies und das ist auch gut so. Munition ist hier noch sehr rar, so dass man oft auf den Cricket-Schläger zurückgreifen und sie im Nahkampf ausschalten muss. Dabei könnt ihr im Grunde zwar nur zuschlagen oder sie wegstoßen, aber die Anspannung ist bei diesen Konfrontationen trotzdem groß. Gerade zu Beginn des Spiels kann euch nämlich im Grunde jeder Zombie in Lebensgefahr bringen. Ihr müsst aufs Timing achten sowie den richtigen Abstand halten und wenn ihr bereits leicht verwundet seid, dann kann euch unter Umständen der nächste Biss sogar direkt töten. Lässt sich ein Kampf gegen mehrere Zombies trotz aller Vorsicht nicht vermeiden, dann bleiben zum Glück noch andere Hilfsmittel wie Signalfackeln. Damit lassen sich die Biester weglocken und anschließend bleibt ein kleines Zeitfenster um die ganze Bande mit Molotowcocktail, Granate oder Landmine aus dem Weg zu räumen.

Es gibt aber noch mehr Mechaniken, die dafür sorgen, dass ihr euch selten wirklich sicher fühlt. Allen voran ist das die starke Einbindung des Wii U Gamepads als zweitem Bildschirm. Auf dem Touchscreen wühlt ihr euch durch euer Inventar, verschiebt Objekte von Kisten und Leichen in euren Rucksack oder sortiert aus. Währenddessen pausiert das Spiel aber nicht, sondern zoomt etwas raus und zeigt auf dem TV euren Charakter. Wenn ihr nicht gerade mit dem Rucksack beschäftigt seid, dient der zweite Bildschirm vor allem als Karte und Radar. Man tippt also regelmäßig auf den Screen, um auf der Karte die nahen Zombies sichtbar zu machen. Und in einigen Situationen nimmt man das Gamepad auch mal hoch und scannt wie mit einer Kamera die Umgebung und Objekte. Ihr seid also ständig dazu gezwungen, euren Blick bewusst vom TV und damit den unmittelbaren Gefahren abzuwenden, was gerade in den ersten Stunden für ordentlich Paranoia und so manch panischen Moment sorgt.

ZombiU und der Clou mit dem InventarGefühle, die durch einen weiteren Faktor noch verstärkt werden: Permadeath. Das bedeutet, dass ihr beim Ableben nicht einfach vom letzten Speicherpunkt einen neuen Versuch wagen könnt. Euer Charakter wird nämlich direkt zu einem Zombie und ihr müsst mit einem neuen Charakter und minimaler Ausstattung zum Ort der Tragödie zurückkehren und euch von eurem früheren Ich die Ausrüstung zurückholen. Fans von echten Rogue-likes können da vermutlich nur müde lächeln, aber für einen AAA-Titel ist das fast schon mutig.

Ungefähr ab der Mitte des Spiels entspannt sich die Lage dann aber deutlich. Zum einen gibt es dann ein Gegenmittel, mit dem man diese teils frustrierenden One-Hit-Tode verhindern kann und zum anderen kommt dann der Shooter-Aspekt immer mehr zum Tragen. Wer bis dahin mit seinen Vorräten gut gehaushaltet und die Umgebungen gewissenhaft abgesucht hat, der verfügt zu diesem Zeitpunkt über ein brauchbares Arsenal mit Schusswaffen aller Art sowie ausreichend Munition. Alles niedermähen kann man zwar auch dann nicht, aber man muss nicht mehr ständig den Schläger auspacken und somit seltener ein Risiko eingehen.

Spätestens da löste sich meine anfängliche Faszination für das Spiel leider auch immer mehr auf. Es gefällt mir zwar sehr, dass ZombiU an klassischen Survival-Horror erinnert, indem es eure Ressourcen stark rationiert und auch normale Gegner nicht zu Kanonenfutter degradiert. Doch es tut einfach zu wenig, um diese Formel über das ganze Spiel hinweg interessant zu halten. Die Gegner-Typen lassen sich an einer Hand abzählen und der Nahkampf ist in der ersten Stunde genau so wie er am Ende des Spiels abläuft. Es gibt keine neuen Aktionsmöglichkeiten und noch nicht mal einen anderen Prügel als diesen verdammten Cricket-Schläger vom Start. Ubisoft präsentiert zu Beginn so ein interessantes Grundgerüst mit der ständigen Gefahr, dem zweiten Bildschirm und dem vielseitigen London als Setting aber damit haben sie dann im Grunde schon ihr ganzes Pulver verschossen.

Die Geschichte drumherum passt eigentlich auf einen Bierdeckel und leidet sehr darunter, dass ihr selbst eben nur eine leere Hülle seid und es auch sonst in London keine Menschen mehr gibt. Klar, gelegentlich hört ihr über Funk das belanglose Geblubber des Preppers und in einer handvoll Szenen begegnet ihr ganz kurz mal anderen Überlebenden, aber die haben kaum mehr Persönlichkeit als all die namenlosen Zombies.

Auch die Levelgestaltung weiß nur selten das Potential der Mechaniken oder des Settings richtig zu nutzen. Die Metro und die ersten Schritte durch die Straßen sind noch spannend, aber dann merkt man halt, dass gefühlt zwei Drittel des Spiels aus ebenso kargen wie engen Gängen in irgendwelchen Kanalisationen, Kellern und Katakomben bestehen. Selbst die Außenwelt fühlt sich immer irgendwie eingezäunt und beengt an. Abgesehen vom ersten Besuch des Buckingham Palace ist das Leveldesign einfach erschreckend unspektakulär. Und das ist sicher nicht der Wii U-Hardware geschuldet, denn technische Aspekte wie Beleuchtung, Texturen und Objektdetails sehen zusammen immer noch ganz passabel aus.

ZombiU ist kein überragendes Spiel und es gibt gute Gründe dafür, dass es kein Hit geworden ist, aber einige der Mechaniken und die Atmosphäre haben mir trotzdem sehr gut gefallen. Darum hätte ich auch wirklich gern gesehen, dass Ubisoft diese Elemente in einem Nachfolger noch verfeinert. Wie wir heute wissen, ist die Wii U jedoch krachend gescheitert und mit ihr leider auch das Konzept des 2nd-Screen-Gamings. Ein ZombiU 2 kam daher auch nie über die Phase des Prototypings hinaus und auf eine Fortsetzung ohne zweiten Bildschirm kann ich persönlich auch gut verzichten.

*Noch ein paar Worte zu den Portierungen aka Zombi: Ubisoft pausiert das Spiel auch in diesen Versionen nicht, wenn ihr das Inventar durchsucht, aber die Karte wird als typische Minimap dauerhaft eingeblendet. Im Grunde ist also noch alles (bis auf den Multiplayer) im Spiel enthalten, aber ohne den ständigen Wechsel zwischen den zwei Bildschirmen dürfte das Spiel viel von seiner Spannung verlieren. Wenn möglich, würde ich daher eher zur Version für die Wii U greifen.

2 Antworten auf „Die untoten Augen von London: ZombiU“

Ich fand das Spiel auch ziemlich cool muss ich sagen. Bin eigentlich nicht so der Horror-Fan und habe mir das Bundle eigentlich nur wegen des Pro Controllers gekauft 😀
Konnte immer nur 30-60 Minuten am Stück spielen, aber die von dir beschriebene Panik wegen des ständigen Wechsels zwischen den Bildschirmen kann ich absolut unterschreiben.
Auch den Multiplayer fand ich ziemlich cool. Schadee, dass sowas nicht mehr spiele gemacht haben.

Ich habe „Zombi“ auf dem PC mal angefangen, aber mich dann auch recht bald wieder anderen Spielen, vornehmlich „7 Days To Die“ (mein Favorit in Sachen Zombie-Apokalypsen-Survival) zugewandt. Ich bin, glaube ich, gerade bis zum Buckingham Palace gekommen. Es ist leider, wie Du es beschreibst. Anfangs ist es echt noch spannend und weiß durchaus auch am PC zu gefallen, aber die Spannung lässt recht schnell nach, auch weil eben das Gefühl einer offenen Welt mehr und mehr weicht. Aber ich wollte dem Spiel nochmal eine Chance geben, vielleicht packt es mich ja doch noch, im Grunde fand ich es ja, wie Du auch, gut.

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