verlorene welten teaser sMan könnte wohl sagen, dass in meinen Adern blaues Blut fließt, denn ich bin schon von klein auf ein Fan von SEGA. Während sich viele meiner Mitschüler mit Mario, Terranigma und Co. vergnügten, kämpfte ich mit meinem Bruder gegen die Gangs aus Streets of Rage oder rannte mit Vollgas durch die Green Hill Zone. Und obwohl ich später nicht den Saturn, sondern die PlayStation bekam und mit der auch viel Spaß hatte, verliebte ich mich um 2000 herum erneut in die Firma mit den vier blauen Buchstaben.

Damals bekamen mein Bruder und ich nämlich einen Dreamcast, der bis heute einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen hat. Gründe dafür gibt es viele, aber in diesem Artikel möchte ich nur auf einen davon eingehen und das ist sein trauriger Niedergang. Wer die Geschichte nicht kennt: SEGA landete Mitte der Neunziger mit seinem Saturn weit abgeschlagen hinter Sonys PS1 und Nintendos N64 und wollte mit dem Dreamcast die Spielerherzen zurückerobern. Aus diesem Grund begann man schon früh mit der Entwicklung der Konsole und verfolgte dabei zwei Ziele: eine Hardware-Architektur, die das Programmieren möglichst einfach macht und Grafik, die alles andere in den Schatten stellt. Spätestens beim Launch 1998 in Japan war schließlich klar, dass die Japaner nicht zu viel versprochen hatten und der Dreamcast, zumindest für den Moment, die ultimative Spielekonsole war.

Doch obgleich man jene Zeit wohl als die kreativste Phase der Firmengeschichte bezeichnen kann und der Dreamcast sowohl mit außergewöhnlichen Titeln als auch mit modernster Technik alles richtig machte, musste man kaum zweieinhalb Jahre später die Segel streichen. Gegen Sonys PR-Maschinerie kam der ohnehin angeschlagene Konzern (aus vielerlei Gründen) einfach nicht an und daher stellte man nicht nur die Produktion des Dreamcast ein, sondern zog sich endgültig aus dem Hardware-Geschäft zurück. Im Gegensatz zu ATARI oder SNK ist das Unternehmen in den Jahren darauf zwar nicht (nahezu) komplett verschwunden, aber wer jene Jubeljahre miterlebt hat, der wird schweren Herzens zugeben, dass von dem kreativen Powerhouse heute nicht mehr viel geblieben ist.

Mit dem Rückzug SEGAs starb jedoch nicht nur eine Konsole und damit der Traum von Firmenpräsident Irimajiri und den Millionen Fans weltweit. Es war auch das Ende für unzählige Spiele, die zum Teil sogar schon mehr oder weniger fertig waren, aber aus finanziellen Gründen nicht mehr veröffentlicht wurden. Am Ende erschienen somit im Westen gerade mal rund 200 Spiele für den Dreamcast und die extrem leidenschaftlichen Anhänger der Konsole flüchteten sich in ihre Träume. Wir fragten uns, was wohl passiert wäre, wenn SEGA nicht die Notbremse gezogen hätte und welche digitalen Schätze nun auf ewig im digitalen Fegefeuer der Entwicklungshölle verloren waren.

Heute, mehr als 15 Jahre später, sind die virtuellen Opfer von damals noch immer nicht ganz vergessen, denn es gibt noch einen harten Kern von Fans, welche, einem digitalen Archäologen gleich, in den Weiten des Internets nach den verschollenen Schätzen graben. Hin und wieder zahlt sich ihre harte Arbeit dann auch tatsächlich aus und Videos oder gar spielbare Alpha-Versionen von längst verloren geglaubten Projekten kommen ans Tageslicht. Wirklich gut spielbar sind diese unfertigen Titel natürlich nur selten, aber das schmälert meine Faszination für diese verlorenen Welten nicht im Geringsten.

Manchmal sind ein paar unscharfe Bilder, ein vages Konzept und der Gedanke daran, was hätte sein können, sogar spannender als die Spiele, die es tatsächlich auf unseren Bildschirm schaffen. Und eben jenen Titeln möchte ich auf Polygonien fortan ein Zuhause (oder ein Grab?) geben und sozusagen regelmäßig Projekten (aller Plattformen und Generationen) gedenken, die es leider nie in die Hände der Spieler geschafft haben.

Der erste richtige Artikel zu dieser Serie folgt in den kommenden Tagen. Bis dahin könnt ihr mir aber gern schon von den eingestellten Spielen erzählen, denen ihr am meisten nachtrauert.

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