Vor fast drei Jahren veröffentlichte das kleine Team von The Chinese Room sein Meisterwerk Dear Esther. Seitdem inspirierte es zahlreiche Entwickler und spaltete zugleich die Spielergemeinde, denn viele weigern sich beharrlich, Dear Esther als Spiel zu bezeichnen.

screenshot dear esther wracks

Im Gegensatz zu „echten“ Spielen gibt es hier nämlich weder Puzzles zu lösen noch irgendwelche Gefahren zu meistern. Ja nicht mal springen oder rennen könnt ihr, geschweige denn mit eurer Umgebung interagieren. Ihr könnt nur einem relativ linearen Pfad folgen, der euch über eine karge Insel vor der schottischen Westküste führt. Auf diesem ruhigen und unglaublich schönen Spaziergang liest der Protagonist immer wieder aus zahlreichen Briefen an Esther vor und erzählt damit in poetischer Weise eine ebenso tragische wie verworrene Geschichte.

Dieses reduzierte Gameplay führte schnell dazu, dass Kritiker Dear Esther als „Walking Simulator“ bezeichneten. Doch was ursprünglich abwertend gemeint war, hat sich bei Befürwortern alternativer Spielkonzepte inzwischen zu einer Art Prädikat für Projekte entwickelt, die Videospiele nicht mehr als Herausforderung oder amüsanten Zeitvertreib begreifen, sondern vielmehr als virtuelle Erfahrungen, die ein breites Spektrum an Gefühlen, Gedanken und Emotionen transportieren und hervorrufen können.

screenshot dear esther haus auf hügel

Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich nur dann auf Story, Emotionen und die Atmosphäre konzentrieren kann, wenn man auf Gameplay verzichtet, aber es zeigt doch, dass weniger eben manchmal doch mehr ist. Während der entschleunigte Stil dieser Projekte bei vielen Anhängern traditioneller Spiele schnell für Langeweile sorgen mag, führt es bei manch anderen Spielern nämlich dazu, dass sie auch ohne Aufgaben sehr beschäftigt sind. Bei ihnen verlagert sich das Spiel in die eigene Gedankenwelt, wo sie aus den audiovisuellen Eindrücken und den Storyteilen, seien es nun Monologe, Briefe oder dergleichen, nach und nach ihre eigene Geschichte konstruieren.

„Da kann ich ja gleich ein Buch lesen!“, werden viele da sagen, aber das ist einfach nicht das gleiche. Ja, in mancher Hinsicht sind Titel wie Dear Esther gar nicht so viel anders als Kurzgeschichten mit Bildern oder Audiobooks, aber für mich entwickelt die Kombination aus Erzählung, virtueller Umgebung und akustischer Untermalung eine Magie, die so kein anderes Medium erschaffen kann. Auch wenn ihr nicht viel macht, seid ihr doch irgendwie Teil dieser Erzählung, ihr beeinflusst sie, und sei es nur dadurch, dass ihr einen Monolog eben erst 30 Sekunden später auslöst, weil ihr euch die Umgebung noch näher angesehen habt.

screenshot dear esther briefe

Ich kann verstehen, dass viele nach einem langen Arbeitstag einfach nur Ablenkung wollen und keine Lust haben, um langsam durch eine virtuelle Welt zu stolpern, während sie sich Gedanken um die Schicksale und Emotionen fiktiver Figuren machen. Das ist völlig in Ordnung und auch ich möchte nicht auf meine regelmäßige Portion Popcorn-Action verzichten, aber ich denke, es ist wichtig, dass es Titel wie Dear Esther gibt. In vieler Hinsicht sind sie für mich einfach echter und menschlicher, denn im Gegensatz zu klassischen Spielen scheuen sie sich nicht davor, in mir auch mal negative Emotionen zu wecken und mich nachdenklich in die reale Welt zu entlassen. Ich finde, das ist für eine Kunstform, was „Spiele“ für mich eben auch sind oder zumindest sein können, wichtig.

Ich will, dass mich Spiele auch traurig machen oder gar zum weinen bringen, und zwar nicht nur, weil der genetisch veränderte Oberbösewicht gerade mit seinem monströsen Schwert das nette Mädchen mit den riesigen Kulleraugen getötet hat. Wenn sie erwachsen werden und ihr ganzes Potential ausschöpfen sollen, dann müssen sie uns auch mal runterziehen dürfen, ohne dabei auf all die Klischees der Nerdwelt zurückgreifen zu müssen.

screenshot dear esther blick auf turm

Sieht man mal von der unsäglichen GamerGate Bewegung und dem Blockbuster-Geschäft ab, dann sind wir sogar auf einem guten Weg. Es wird sicher noch viele Jahre dauern, aber neben den Walking Simulatoren machen auch Titel wie Valiant Hearts oder This War of Mine Hoffnung, dass auch die Entwickler endlich wieder mutiger werden.

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