Philosophie, Depression oder Isolation sind nicht gerade Themen, die man in einem Videospiel erwarten würde. Obwohl das Medium schon eine erstaunliche Entwicklung hinter sich hat, wagen es noch immer sehr wenige Schöpfer, den nächsten Schritt zu gehen, die Konventionen des Mediums zu ignorieren und mit ihren Werken endlich Wege abseits purer Unterhaltung zu beschreiten. Angesichts der mannigfaltigen Möglichkeiten, die uns die virtuelle Welt bietet ist dieser Umstand besonders bedauernswert. Dabei sind doch vor allem die menschliche Psyche und unsere Emotionen die Elemente, die Erlebnissen und Erfahrungen erst eine wirkliche Bedeutung geben. Natürlich erfreue auch ich mich an einem guten Action-Feuerwerk, aber was wäre beispielsweise die Filmwelt, wenn es nur noch Michael Bay-Filme geben würde?

Technisch hat man längst mit dem Kino gleichgezogen, aber nach wie vor bilden Titel wie etwa Quantic Dreams Heavy Rain – über dessen spielerischen Wert man streiten kann – eher die Ausnahme in der Triple-A Welt. In der aktuellen Generation sind es vor allem die kleinen Indie-Entwickler, die sich an neue Themen und Konzepte wagen, während die großen Publisher weiterhin jedem Risiko – und damit auch jedem inhaltlichen Fortschritt – aus dem Weg gehen. Die beliebteste Ausrede dafür sind derzeit die hohen Entwicklungskosten und das nahende Ende von PS 3 und Xbox 360. Am Ende einer Generation kann man nun mal keine neuen Marken auf dem Markt etablieren, meint u.a. EAs Peter Moore.

Das mag im Hinblick auf die Gewinn-Maximierung durchaus stimmen, aber aus meiner Sicht besteht dieser Mangel an Innovation und Risikofreude nicht erst, seitdem sich die nächste Hardware-Generation am Horizont abzeichnet. Nintendo hat mit der Wii zwar in Sachen Hardware Mut bewiesen und auch der Download-Markt von PSN/XBLA hat so manch erstaunliches Werk hervorgebracht, aber bei den großen Produktionen war und ist die Angst vor finanziellen Fehlschlägen allgegenwärtig. Der grundlegende Level der Qualität in den Spielen ist ohne Frage gestiegen und es gibt kaum noch offensichtlich schlechte Titel, aber die Kreativität – etwas, das jede Kunstform im Idealfall auszeichnet – ist schon lange spürbar gehemmt. Selbstverständlich führen künstlerischer Anspruch und neue Konzepte allein nicht automatisch zu einem guten Spiel und auch ein Call of Duty bereichert die Spielwelt auf eine gewisse Weise, aber das heutige Ungleichgewicht zwischen althergebrachten Konzepten und frischen Ideen im Mainstream-Markt schadet dem Medium auf lange Sicht.

Allein den Publishern die Schuld dafür zu geben wäre aber zu einfach, denn ein ganz entscheidender Faktor sind wir selbst: die Spieler. Wenn sich ein Titel wiederholt zig Millionen mal Verkaufen lässt, der im Grunde nur sich selbst kopiert und kreative Ideen kaum ihre Entwicklungskosten einbringen, dann ist es offensichtlich, welchen Weg Entwickler und Publisher vornehmlich wählen. Ebenso offensichtlich ist die Tatsache, dass dies nicht ewig funktionieren kann. Irgendwann haben die Leute genug davon gesehen und dann haben wir entweder einen neuen Videospiel-Kollaps oder die Branche entwickelt sich weiter.

Ich habe noch Hoffnung, dass am Ende Letzteres eintreten wird. Diese Hoffnung wird vor allem durch den wachsenden Indie-Markt genährt, wobei Unabhängigkeit sicher nicht automatisch zu Kreativität führt. Ohne ein übergeordnetes Element, das die finanziellen Zügel in der Hand hält sind die Entwickler aber ohne Zweifel ungezwungener in ihrer Arbeit und offener für Experimente. In den Genuss dieser Unabhängigkeit kommen dank Crowdfunding inzwischen ja auch immer mehr Entwickler und die vielen Projekte auf Kickstarter, Indiegogo und Co. werden in den kommenden Jahren zeigen, ob dieser Weg tatsächlich zu besseren Spielen und mehr Kreativität führt.

Ursprünglich sollte dieser Beitrag ein Crowdfunding-Spiel thematisieren, aber irgendwie kam es dann doch ganz anders. Besagtes Spiel werde ich in den kommenden Tagen besprechen.

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