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Review: I Am Alive

teaser I Am Alive climbing small

Es gibt Spiele, die werden angekündigt und stehen ein Jahr später im Regal und dann gibt es Spiele wie I Am Alive. Das Survival-Adventure hatte bei seinem Erscheinen im Jahr 2012 eine mehr als turbulente Entwicklungszeit hinter sich, die es beinahe nicht überlebt hätte. Schon 2003 entstanden beim französischen Entwickler Darkworks (u.a. Cold Fear & Alone in the Dark 4) die ersten Ideen für ein Action-Adventure mit Katastrophen-Szenario. Doch erst gut neun Jahre später schaffte es der Titel zu den Spielern. In dieser Zeit erstellten Darkworks insgesamt vier Prototypen mit unterschiedlichen Konzepten (von Zombies bis Squad-Action), nur um am Ende das Projekt an Ubisoft Shanghai abzugeben und schlussendlich sogar für immer ihre Pforten schließen zu müssen.

screenshot I Am Alive bridge

Doch auch das neue Team konnte I Am Alive nicht ohne Weiteres fertigstellen und so wagte man noch einen letzten Versuch. Ubisoft hatte bereits enorme Summen investiert und man war nicht mehr bereit, noch mehr Geld in diesem unsicheren Projekt zu versenken. Also schlug Ubisoft Shanghai vor, aus dem einstigen AAA-Blockbuster einen deutlich verkleinerten Download-Titel zu machen. Ubisoft war einverstanden und somit war I Am Alive doch noch gerettet.

Viele Games mit solch einer Vorgeschichte enden oft mit einer Enttäuschung für die Spieler, bei denen sich über die Jahre eine enorme Erwartungshaltung einstellt, die in der Regel selbst mit einem wirklich guten Spiel nicht erreicht werden kann. Auch I Am Alive hatte mit diesem Phänomen zu kämpfen und bekam sehr durchwachsene Kritiken, obwohl es in meinen Augen ein herausragender Titel ist.

screenshot I Am Alive skyscraper

Ubisoft Shanghai hat zwar viele Dinge komplett neu entwickelt, aber das Grundkonzept von Darkworks wurde bis zum Schluss beibehalten. Ein Jahr nach einer verheerenden Katastrophe, die bis zum Schluss nicht genau erklärt wird, kommt ein namenloser Mann in der fiktiven Großstadt Haventon an. Er ist auf der Suche nach seiner Tochter und seiner Frau, mit denen er hier früher lebte. Die tragischen Ereignisse haben die Stadt jedoch in ein Labyrinth aus Betonruinen und geborstenem Stahl verwandelt, in dem jeder unüberlegt Schritt lebensgefährlich werden kann.

screenshot I Am Alive welcome to haventon

Gleich zu Beginn wird klar, dass I Am Alive nicht nur mit dem Szenario, sondern auch mit dem Gameplay einen überraschend realistischen Überlebenskampf abliefern will. Um überhaupt erst mal in die Stadt zu gelangen, müsst ihr euch einen Weg über die wackeligen Überreste einer großen Stahlbrücke suchen und dabei eure Fähigkeiten als Kletterer beweisen. Im Gegensatz zu den anspruchslosen Kletterpassagen in Uncharted oder dem Tomb Raider Reboot ist hier jedoch vollste Konzentration und ein wenig Planung erforderlich, wenn ihr nicht abstürzen wollt. Jede Bewegung, vom simplen Griff zur nächsten Kante bis zum waghalsigen Sprung über eine Kluft, kostet euch nämlich Kraft und die erholt sich erst wieder, wenn ihr festen Boden unter den Füßen habt oder euch mit einem der seltenen Sicherungsanker anseilt. Wer seine Fähigkeiten überschätzt, der büßt einen Teil seiner Gesamtkondition ein und stürzt im schlimmsten Fall sogar in die Tiefe. Auf diese Weise machen die Entwickler den Weg durch die Ruinen zu eurem schwersten und zugleich spannendsten Kampf im Spiel.

screenshot I Am Alive tracks

Doch zwischen den Trümmern der Metropole lauern auch noch ganz andere Gefahren. Während sich die Menschen kurz nach der Katastrophe noch halfen und auf Notfall-Teams zählen konnten, sind nun nur noch wenige Bewohner am Leben und die befinden sich in einem ständigen Kampf um die letzten verbliebenen Ressourcen der Stadt. Zwar trefft ihr auch immer wieder auf friedliche Zeitgenossen, aber viel öfter passiert es, dass bewaffnete Banden euren Weg kreuzen und dann müsst ihr einen kühlen Kopf bewahren, damit man euch selbigen nicht mit einer Machete vom Hals schlägt.

screenshot I Am Alive bandits

Munition ist in der Welt von I Am Alive ein äußerst rares Gut, also müsst ihr euch jeden Schuss gut überlegen und versuchen, die Situation zu eurem Vorteil zu nutzen. Sobald ihr auf feindselige Überlebende trefft, müsst ihr innerhalb von wenigen Sekunden eure Widersacher analysieren und dann im richtigen Moment reagieren. Mit der Pistole könnt ihr Banditen einschüchtern und gezielt zu einem Abgrund oder einer Feuerstelle drängen, wo ihr sie dann mit einem kurzen Tritt in ihr verderben stürzen könnt. Wenn ihr aber zögert oder die Feinde den Eindruck bekommen, dass ihr sie sowieso töten werdet, dann funktioniert diese Taktik natürlich nicht mehr. Besonders knifflig wird es aber erst, wenn mehrere der Banditen selbst über Schusswaffen verfügen, denn die lassen sich mit der Pistole natürlich nicht einschüchtern. In diesen Fällen kommt ihr um den Einsatz von Pistole und Co. kaum herum, doch auch hier gilt es, den Kopf zu gebrauchen. Wer Munition sparen will, oder vielleicht sogar gar keine Kugeln mehr hat, der lässt gezielt einen der Schützen näher kommen, um ihn dann mit einem Überraschungsangriff auszuschalten und ihm die Munition abzunehmen, mit der ihr dann den zweiten Schützen ausschalten könnt. Zwar nutzt sich diese Mechanik mit der Zeit ein wenig ab, aber im Vergleich zu den oft so anspruchslosen Schießereien vergleichbarer Titel wirkt es geradezu erfrischend komplex und sorgt insbesondere in höheren Schwierigkeitsgraden immer wieder für Spannung.

screenshot I Am Alive pistol

Sobald ihr euch zum ehemaligen Zentrum der Stadt vorgearbeitet habt, macht ihr Bekanntschaft mit einer Gefahr, an die wohl nur die wenigsten Spieler denken würden. Durch den Staub, der die Spielwelt bedeckt und die Entwickler zum charakteristischen Schwarz-Weiß-Look des Spiels inspiriert hat, verwandeln sich nämlich die Häuserschluchten in Todeszonen. Auf den Straßen wird dadurch nicht nur eure Sicht stark eingeschränkt, sondern eure Kondition geht kontinuierlich nach unten, bis ihr wieder auf einer erhöhten Position nach frischer Luft schnappt oder euch mit Wasserflasche und Inhalator zusätzliche Zeit erkauft. Somit birgt jede Erkundungstour ein gesteigertes Risiko, was für zusätzliche Spannung sorgt und das Gefühl eines glaubhaften Überlebenskampfes noch verstärkt. Spieler, die generell eine Abneigung gegen Zeitdruck als Gameplay-Element haben, dürften davon allerdings eher genervt sein. Ähnliche Reaktionen wird auch das Checkpoint-System hervorrufen, dass euch nur eine begrenzte Zahl an Versuchen gibt, bevor ihr den Level von vorn beginnen müsst.

screenshot I Am Alive train

Wer sich trotzdem auch Abseits der Story durch den Schleier des Staubs kämpft und das (leider recht kleine) Zentrum der Stadt erkundet, der findet neben wertvollen Gegenständen auch einige NPCs. Manche von ihnen müsst ihr aus einer Notsituation retten und andere freuen sich über den Luxus einer Packung Zigaretten oder eines guten Weines und belohnen euch für eure Hilfe mit Hintergründen zur Katastrophe sowie einem zusätzlichen Continue.

Trotz der vielen guten Ideen sind die neue Ausrichtung auf die Download-Plattformen von PS3 und Xbox 360 sowie das reduzierte Budget in I Am Alive leider an vielen Stellen deutlich zu spüren. Die Optik entwickelt mit ihren reduzierten Farben zwar eine ganz eigene Ästhetik und belohnt euch beim Klettern an den zerstörten Wolkenkratzern mit so manch grandiosem Ausblick, aber in vielen Bereichen fehlt es einfach am letzten Feinschliff. Am auffälligsten ist der Wechsel aber sicher bei der insgesamt etwas zu beengt wirkenden Spielwelt, die euch leider nur einen sehr begrenzten Teil der Stadt erkunden lässt.

screenshot I Am Alive climbing sunrise

Obwohl von Darkworks ursprünglicher Vision nur noch Bruchstücke vorhanden sind, ist I Am Alive ein spannendes Survival-Adventure geworden, das diese Bezeichnung auch verdient und angesichts der sehr schwierigen Entstehungsgeschichte kann man diese Leistung eigentlich gar nicht genug würdigen.

Publisher Ubisoft | Entwickler Darkworks / Ubisoft Shanghai
Genre: Survival / Action-Adventure | Plattform: PC (Test) / PS 3 / Xbox 360
Release: April 2012 | Preis: ca. 15 € via Steam bzw. PSN / Xbox Live Arcade | Website

8 Comments

  1. Danke für den Artikel. Ich muss gestehen, I Am Alive hatte ich lange auf dem Radar, habe es aber – zu meiner Schande – bis heute nicht gekauft und gespielt. Manchmal ist es einfach so. Zum Release ist zu viel anderer Kram da oder gerade kein Geld, dann kauft man es nicht, es wird später, später, später … man verliert ein wirklich gutes Game aus dem Auge … bis man dann so einen Beitrag hier liest. 😀

    Definitiv ein Grund, dem Spiel endlich einmal eine Chance zu geben. Die scheint es ja auf jeden Fall zu verdienen. 😉

    • Ich hatte das bestimmt auch schon min. ein Jahr in der Steam Library, bevor ich es dann endlich mal angefangen habe. Bei den Massen an guten Spielen ist es halt fast unmöglich, alle im Auge zu behalten, aber man muss ja auch nicht immer alles genau dann spielen, wenn es gerade erschienen ist 🙂

      • Richtig. Gerade bei Steam gibt es die Sachen irgendwann so günstig. Leider verliert man bisweilen wirkliche Perlen dann total aus den Augen, weil man wartet und wartet und wartet und …

        Andererseits kann man natürlich nicht alle Spiele zocken … vor allem nicht ein Dutzend gleichzeitig. Wenn man zu viel auf einmal hat, wird zu viel nicht angerührt. 🙁

  2. Ich glaube das spiele ich nochmal. In der PS3-Version waren damals aergerliche Bugs, aber davon abgesehen liebte ich das Spiel. So ein rauher Charme, das anspruchsvolle Klettern und spannende Schießereien… So manches „groeßere“ Spiel kann sich da einiges abgucken…

    • Bugs hatte ich am PC zum Glück keine und die sind ja hoffentlich auf der PS3 inzwischen auch ausgemerzt worden. Der Wiederspielwert ist aufgrund der Linearität zwar nicht so riesig, wenn man im ersten Durchgang schon alles gefunden hat, aber ich bin gespannt, ob es dir noch immer gefällt. Finde auch, dass es in so manchem Punkt mit „großen“ Spielen konkurrieren kann. Der Vergleich hinkt zwar etwas, aber mir hat es auch besser gefallen als The Last of Us 😉

  3. Schönes Review zu einem faszinierenden Spiel!

    Kennst Du eigentlich noch die Zettai Zetsumei Toshi Spiele von Irem? Ich würde I Am Alive viel eher damit vergleichen als mit The Last of Us und anderen, eher action-orientierten Survival-Spielen.

    Falls noch nicht bekannt, solltest Du da unbedingt mal einen Blick drauf werfen! Gibts allerdings nur für PS2 und PSP (Zettai Zetsumei Toshi 3). Der vierte Teil für PS3 wurde ja leider gecancelt, weil er ursprünglich zu einem Zeitpunkt erscheinen sollte, als es 2011 in Japan das große Erdbeben und den Tsunami gab, und kurz danach auch noch der Produzent Kazuma Kujo die Firma verließ …

    • Den Vergleich zu TLoU habe ich auch ganz bewusst nur in den Kommentaren gemacht 😉 Also den japanischen Namen wusste ich nicht, aber die Disaster-Games (so wurden sie ja hier benannt) stehen schon länger auf meiner Einkaufsliste 🙂

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