Als ich 2012 Dead Island durchgespielt hatte, war ich schockiert, dass dieses ebenso stupide wie lieblose Zombiegemetzel derart viele Fans finden konnte. Story und Charaktere kamen direkt aus der Designhölle und waren mir in etwa so sympathisch wie NPD-Wähler und das Gameplay war nach wenigen Stunden so unfassbar langweilig, dass ich es sicher abgebrochen hätte, wenn mein Koop-Kollege mich nicht zum weiterspielen überredet hätte. Der Ryder White DLC war zwar etwas besser, konnte aber nichts daran ändern, dass die Dead Island Marke für mich vorerst gestorben war. Dass man den Leuten wenig später mit Riptide fast das gleiche Spiel noch mal verkaufen wollte, hat meinen Groll gegen diese Serie schließlich nur noch verstärkt.

screenshot escape dead island panorama untergrund

Um die Zeit bis zu Dead Island 2, das übrigens beim Berliner Studio Yager entsteht, zu überbrücken, schob Deep Silver dann noch das MOBA DI: Epidemic und Escape Dead Island. Letzteres hat fast überall absolut vernichtende Kritiken (Metascore von 32-52/100) bekommen und trotzdem habe ich es mir letzte Woche gekauft. Bei diesen Wertungen und meinen Erfahrungen mit dem Original eigentlich Irrsinn, aber ich kannte den Entwickler Fatshark bereits vom RPG Krater und weder Screenshots noch Videos wirkten auf mich wie ein Totalausfall. Nun habe ich es durchgespielt und wieder mal gemerkt, dass man manchmal lieber auf sein Bauchgefühl statt auf Wertungen und die Gaminggemeinde hören sollte.

screenshot escape dead island regen strand

Als Spinoff ist Escape Dead Island zeitlich zwischen dem Erstling und Dead Island 2 angesiedelt. Es spielt jedoch nicht wieder auf Banoi, sondern auf der Nachbarinsel Narapela, wo geheime Labors der Firma Geopharm und damit auch der Ursprung der Zombiekatastrophe zu finden sind. Mit dem Schauplatz hat man zum Glück auch gleich die hirntoten Charaktere ausgewechselt und ich rede nicht von den Zombies. Diesmal dreht sich alles um den jungen Cliff Calo, der mit seinen Freunden Linda und Devon zunächst nur einer guten Story nachjagt und wenig später mit sich selbst und den Untoten zu kämpfen hat.

screenshot escape dead island apartements

Tiefgründige Dialoge und berührende Momente hat auch dieses Trio nicht zu bieten, aber im Gegensatz zum Original habe ich mir hier nicht in jeder Zwischensequenz gewünscht, dass die Truppe endlich abkratzt. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich die Story durch Cliffs viele Halluzinationen und Träume bis zum Schluss nicht so ganz verstanden. Doch obwohl diese Szenen nur immer neue Fragen aufwerfen und bis zum Abspann nicht eine davon wirklich beantworten, war ich motiviert genug, mich bis zum Ende zu kämpfen, was nicht zuletzt an der meist interessanten Präsentation dieser Trips lag.

screenshot escape dead island splatter

Obwohl das Spiel ganz klar Story-getrieben ist, nimmt es sich, anders als viele andere Zombie-Titel, meist nicht so ernst, was vor allem beim Design deutlich wird. Spätestens seit Telltales The Walking Dead ist zwar klar, dass Comic-Look und deprimierende Zombieapokalypse durchaus harmonieren können, aber Fatshark nutzt diesen Stil tatsächlich, um eine eher positive Grundstimmung zu erzeugen. So sehen die Zombies nicht wirklich furchteinflößend aus und die Kämpfe werden mit übertriebenen Blutfontänen und klassischen Comic-Einblendungen untermalt. Natürlich sieht man der Technik hier und da durchaus an, dass Deep Silver wohl nicht unbedingt Unsummen in ein Spin-Off investieren wollte, aber das tut der Atmosphäre keinen Abbruch und auch die Zwischensequenzen sind dank schöner Artworks recht ansehnlich.

screenshot escape dead island explosion am flugfeld

Aus spielerischer Sicht ist Escape Dead Island sogar noch weiter von den beiden Hauptteilen entfernt. Wer wieder ein Pseudo-RPG mit tonnenweise unnützem Loot und vermeintlich offener Spielwelt erwartet, der wird zweifellos enttäuscht sein, doch was für andere der größte Kritikpunkt ist, erweist sich aus meiner Sicht als weitere Stärke. Ihr erforscht Narapela auf wenigen, fest vorgegebenen Pfaden, die euch erst nach und nach Zugang zu neuen Arealen gewähren. Auf der Suche nach einem Heilmittel für den Virus arbeitet ihr euch streng linear durch jeden Teil der Insel und findet dabei bessere Waffen und neue Ausrüstung wie z.B. eine Taschenlampe oder eine Gasmaske, mit deren Hilfe ihr ein paar Secrets erreichen könnt und Zugang zum nächsten Storyabschnitt erlangt. Die Wege zwischen den Arealen sind stets die gleichen und ihr müsst sie weit mehr als einmal durchwandern, was man definitiv kritisieren darf, mich persönlich aber wenig gestört hat.

screenshot escape dead island stealth kill

Mit dem Wechsel in die Verfolgerperspektive haben sich auch die Auseinandersetzungen mit den Untoten verändert. Entweder ihr schleicht euch vorsichtig an die Zombies heran und erledigt sie lautlos mit Stealthkills oder ihr zückt eure Nahkampfwaffe und prügelt los. Letzteres fällt mit gerade mal drei Schlagvarianten plus Finisher und Ausweichbewegung zwar recht simpel aus, ist jedoch erstaunlich befriedigend. Außerdem findet ihr mit der Zeit auch noch einige Schusswaffen, die euch vor allem im Kampf gegen eine größere Zombiegruppe und die Spezialzombies helfen. Kein Aspekt des Gameplays, vom Schleichen über das Schießen bis hin zu Nahkampf, ist so ausgefeilt, dass er allein das Spiel tragen könnte, aber im Wechselspiel fällt das kaum auf.

screenshot escape dead island kampf katana labor

Escape Dead Island hat mit Techlands erfolgreichem Zombie-Gemetzel nur noch wenig gemeinsam und genau darum gefällt mir Fatsharks Interpretation auch so viel besser. Sicher, es ist recht linear und das Gameplay ist in keinerlei Hinsicht herausragend, aber es macht (mir) einfach Spaß und erinnert oft an die Action-Adventures der frühen 2000er. Eine klare Empfehlung darf ich aber wohl trotzdem nicht aussprechen, denn die unterirdischen Kritiken zeigen ja, dass ich hier mit meinem Empfinden eher die Ausnahme bin.

Publisher Deep Silver | Entwickler: Fatshark Games
Genre: Action / 3rd Person / Zombies / 3D | Plattform: PS 3 / Xbox 360 / PC (getestet)
Pad Support: ja | Release: November 2014 | Spielzeit: ca. 7-8h | Website
Preis: ca. 20 € via Steam / PSN / Xbox Live oder als Retail

Getaggt mit: 3d, action, cel-shading, comic-stil, dead island, fatshark, games, konsole, pc, ps3, review, screens, shooter