Beendet: Unearthed – Trail of Ibn Battuta Ep.1

Publisher Semanoor | Entwickler Semaphore
Genre: Action-Adventure / Shooter | Plattform: PC (Test) / PS3
Release: Januar 2014 | Preis: ca. 4 € auf Steam | Website

Obwohl Japan, Europa und Nordamerika schon seit vielen Jahrzehnten Videospiele entwickeln und das Medium somit entscheidend geprägt haben, gibt es noch immer Regionen, in denen Videospiele kaum eine Rolle spielen, geschweige denn entwickelt werden. Umso überraschter war ich also, als ich das episodische Action-Adventure Unearthed: Trail of Ibn Battuta entdeckte, das beim saudi-arabischen Entwickler Semaphore entstanden ist.

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Wenn es im eigenen Land keine eigene Spielkultur gibt, dann ist es eigentlich nur logisch, dass man sich an Vorbildern aus dem Ausland orientiert. Von Naughty Dogs Uncharted-Reihe waren die Entwickler offenbar derart beeindruckt, dass sie den Playstation-Hit gleich als Blaupause für ihren ersten Titel gewählt haben. Das fängt beim Setting an, zieht sich durch die Spielmechanik und geht bis zum auffällig ähnlichen Namen. Nun muss man natürlich nicht immer gleich das Rad neu erfinden, um den Spieler für ein paar Stunden gut zu unterhalten, aber leider ist auch das vermeintlich simple Kopieren eines bewährten Konzeptes weit schwieriger als mancher Entwickler glauben mag.

Das einzige Grafik-Highlight im Spiel.

Unearthed ist leider der beste Beweis dafür, denn teilweise wirkt der Titel eher wie eine unfreiwillige Parodie der berühmten Vorlage, aber fangen wir mit etwas Positivem an. Zumindest bei der Spielwelt und den Charakteren wagten die Entwickler einen zaghaften Versuch, ihrem Spiel eine eigene Identität zu geben. Statt des strahlenden Sunnyboys aus Kalifornien, der mit einer gut gebauten, weiblichen Nebenfigur um die Welt zieht, spielt ihr nämlich den (leider ebenso auf lässigen Helden getrimmten) Araber Faris Jawad, der mit seiner Schwester auf Schatzsuche geht. Letztere ist dabei zwar auch ihrem Glauben entsprechend stark verhüllt, wird ansonsten aber als gebildete und durchaus schlagfertige Frau dargestellt. Zwar darf auch sie nur die passive Nebenrolle spielen, ansonsten agiert sie (in der kurzen Spielzeit) aber fast auf Augenhöhe mit ihrem Bruder. Zusammen machen sie sich auf die Suche nach einem uralten Artefakt, das sie nicht nur zur Zielscheibe einer Verbrecherbande macht, sondern auch auf die Spuren des muslimischen Forschungsreisenden Ibn Battuta führt, der im 14. Jahrhundert angeblich mehr als 120.000 km durch die Welt gereist ist.

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Das eigentliche Gameplay ist, wie eingangs erwähnt, komplett von Nathan Drake und Co. übernommen worden. So sucht ihr in einem Tempel nach einem Artefakt und müsst dabei ein simples Rätsel lösen und einfache Kletterpassagen meistern, sowie Fallen ausweichen. Allzu anspruchsvoll ist das leider nicht und die hakelige Steuerung ist nicht im Entferntesten mit der Vorlage zu vergleichen. Auf dem Rückweg aus dem Tempel bekommt ihr es dann mit einer Gruppe von Söldnern zu tun, die ihr natürlich per Deckungsshooter-Mechanik ausschalten müsst. Das funktioniert zwar etwas besser und es gibt überraschend viele Waffen, aber auch an dieser Stelle fehlt es spürbar an Feinschliff. Der absolute Tiefpunkt sind aber die Nahkampf-Sequenzen, denn was eine nette Beat’em Up-Einlage hätte werden können, verkommt in Sekunden zu hirnlosem Button-mashing. Anschließend folgen noch eine Fluchtsequenz per Quad, ein kurzer Spaziergang durch Damaskus und eine leidlich spannende Fahrsequenz. Nach maximal anderthalb Stunden laufen dann auch schon die Credits und ihr seid vermutlich froh, dass ihr es hinter euch habt. Wer doch noch nicht genug hat, der darf sich nach dem Durchspielen noch in einem völlig belanglosen Zombie-Modus austoben.

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Ich könnte ja über den Mangel an eigenen Ideen hinwegsehen, wenn das Gebotene wenigstens handwerklich ordentlich umgesetzt worden wäre, aber man hat eigentlich ständig das Gefühl, dass die Entwickler völlig überfordert waren. Beim Debüt-Titel eines kleinen Indie-Teams kann sowas durchaus mal vorkommen, aber hier handelt es sich immerhin um ein Studio, das zu einem Software-Unternehmen mit gut 200 Mitarbeitern gehört.

Am bedauernswertesten ist jedoch, dass solch ein Einstand nicht gerade ein gutes Licht auf die langsam aufkeimende Entwickler-Szene in der Arabischen Welt wirft, dabei wäre der Einfluss neuer Kulturen für das Medium sicher gut. Hoffen wir also, dass in der nächsten Episode nicht nur die Engine (von Unity auf Unreal Engine), sondern auch das Gameplay ausgetauscht werden.

Vielen Dank an Semaphore für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.


About Poly

Roberto (aka Poly) hat Polygonien 2012 gegründet, weil er der Indie-Szene etwas zurückgeben und auf die vielen Perlen aufmerksam machen wollte. Er ist mit dem Mega Drive aufgewachsen, hält den Dreamcast für die beste Konsole aller Zeiten und besitzt viel zu viele Videospiele. Er ist Co-Admin von Sega-DC.de, schreibt Gast-Artikel für befreundete Games-Blogs und hilft auf Buy Some Indie Games aus.

6 Comments

  1. jensgameexperience

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    Wie bist du denn auf diese exotische Perle gestoßen? Witzig! Eigentlich doch ein interessantes Experiment, wenn auch wohl noch mit Optimierungsbedarf…


    • Roberto

      / Antworten

      Ich surfe immer mal wieder kreuz und quer die Seitenwege des Videospielbusiness entlang und da kam ich letztes Jahr auch irgendwie auf dieses Spiel. Nun kam es tatsächlich auf Steam und ich habs einfach mal ausprobiert. Mal schauen, ob die Entwickler noch die Chance bekommen, es in der zweiten Episode besser zu machen. Zumindest hören sie anscheinend auch auf Nutzer-Feedback und patchen entsprechend.


  2. totallygamergirl

    / Antworten

    Hm, schade. Hatte es auch auf Steam gesehen, aber dann doch vom Kauf abgesehen. Hatte kein so gutes Gefühl dabei. Lag ich wohl nicht ganz falsch mit. 🙁



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