*Dieser Artikel wurde für Monitore und Full-HD designt.

Einige von euch haben sicher schon vom deutschen „Underground“-Spielemagazin GAIN gehört. Ein überaus hochwertig gemachtes Heft auf echtem Papier(!), das ich schon eine Weile abonniert habe. Viele talentierte Leute aus der Blog-Szene sind darin regelmäßig vertreten und einer davon ist der gute Sylvio von Spielkritik. In der Ausgabe 13 veröffentlichte er den ersten Teil einer umfangreichen Artikel-Reihe, in der er sich mit der Geschichte weiblicher Protagonistinnen in First-Person-Shootern beschäftigt. Der Artikel war für mich eines der Highlights der Ausgabe und brachte mich zum Nachdenken. Es ist ein spannendes Thema, über das ich mir bisher nie groß Gedanken gemacht habe, obwohl es ziemlich sicher mein meistgespieltes Genre ist. Ich stieg erst in den späten Neunzigern mit Spielen wie Unreal, Quake 2 und GoldenEye so richtig in das Genre ein und denke immer gerne an diese bahnbrechende Ära zurück. Im Artikel beginnt Sylvio bei den Wurzeln des Genres und arbeitet sich dann durch den Rest der Neunziger. Angefangen bei den Ladies aus Rise of the Triad über Xenia Onatopp aus GoldenEye bis hin zu Quake III Arenas legendärer Lucy. Eine schöne Zeitreise, die so manche Erinnerung weckte.

Schließlich kamen mir auch ein paar Ergänzungen in den Sinn, die ich ursprünglich nur in einen Tweet oder Kommentar packen wollte. Doch dann beging ich einen verheerenden Fehler: Ich fing an zu graben. Webseiten über alte Videospiele sind für mich wie das vielzitierte Rabbit Hole. Genau wie Alice verliere ich mich nur zu gern immer tiefer darin und stolpere dabei von einer wundersamen Entdeckung zur nächsten. Meistens nehme ich mir dann vor, irgendwann mal etwas darüber schreiben. …was ich dann doch nie tue. Diesmal ist das aber anders. Was ich da gefunden habe ist nämlich nicht nur obskur und lustig, sondern eben auch ein interessantes Stück Geschichte, wenn es um Frauen in Shootern geht. Hier also drei vergessene Frauen, die schon vor über zwanzig Jahren in Shootern ihren Mann standen:

Captain Satoe „Soba“ Ishii aus Zero Tolerance

Als es um die Frühzeit und insbesondere um Rise of the Triad als einzigen Vertreter mit weiblichen Figuren ging, kam mir sofort ein Spiel in den Sinn, das vielleicht meine erste Begegnung mit Ego-Shootern war, mindestens aber die zweite. Zero Tolerance erschien im Herbst(?) 1994 exklusiv für das Sega Mega Drive, das bekanntlich erst in Kombination mit dem 32X und/oder dem Mega-CD halbwegs 3D-fähig war. Dementsprechend war es ein technisch stark limitierter Shooter im Stil eines Wolfenstein 3D. Es geht darin um eine fünfköpfige Spezialeinheit, die sich auf einem Raumschiff gegen eine außerirdische Übermacht stellen muss. Aufgrund der niedrigen Bildrate und schlechten Sichtweite war es ein vergleichsweise langsames Spiel und stellenweise fast näher an einem Taktik-Shooter als an Doom und dergleichen. Auf jeden Fall zählte zu den spielbaren Figuren auch eine Frau, nämlich Captain Satoe Ishii. Im Spiel wird sie folgendermaßen beschrieben:

„Specialist in communications and radio. She is also a highly accurate marksman who can consistently hit a 2 cm target at 100 meters. Accuracy at such targets is 100 out of 100.“

Die Charaktere unterschieden sich etwas in der Ausrüstung sowie ein wenig bei den Fähigkeiten. Eine richtige Handlung gab es nicht und welche Figur man gerade spielte hat man im Grunde nur daran gemerkt, dass im Spiel in einer Ecke das Foto bzw. der Ausweis zu sehen war. Dennoch waren alle Figuren wichtig, denn nach dem Ingame-Tod wurde zur nächsten Figur gewechselt. Hatten die Spieler/innen alle Charaktere verheizt, war das Spiel verloren. Satoe war also nicht nur optional, sondern ein fester Bestandteil des Spiels, an dem die Spieler/innen im Grunde nicht vorbeikamen. Außergewöhnlich war an dem Spiel übrigens auch, dass es einen Koop-Modus via Link-Kabel bot, welches man direkt bei den Entwicklern bestellen konnte.

Cover des Mega Drive-Spiels Zero Tolerance Das Cover von Zero Tolerance ist leider total generisch. (via Segaretro.org)

Der Bildaufbau war lahm, die Spielwelt nur in einem kleinen Fenster zu sehen und die Blickrichtung konnte man nur horizontal verändern. Trotzdem war Zero Tolerance damals beeindruckend.

Dr. Kimberley Stride aus Blam! Machinehead

Man kann sich über die Einordnung zwar streiten, aber im Artikel wird auch Acclaims Forsaken (1998) erwähnt. Ein 360°-Ego-Shooter in der Tradition eines Descent, nur halt mit einer Art Hover-Bikes statt Raumschiffen. Rund zwei Jahre zuvor veröffentlichten Core Design (die Macher von Tomb Raider, das auch 1996 erschien) mit Blam! Machinehead (PS1, Saturn, DOS) ebenfalls einen Shooter, bei dem die Spieler/innen auf einer fliegenden Kampfmaschine unterwegs sind. Im Gegensatz zu Forsaken schwebte man hier aber nur ein Stückchen über dem Boden und flog nicht völlig schwerelos in alle Richtungen. Es war dem klassischen FPS damit also noch etwas näher. Vor allem aber hat es mit Dr. Kimberley Stride auch eine vollwertige Heldin. Wenn auch nicht ganz freiwillig, denn die Wissenschaftlerin wird von einem Kollegen dazu gezwungen als Eine-Frau-Armee die Welt von einem High-Tech-Virus zu befreien. Wie so oft zu jener Zeit passt die krude B-Movie-Story auf einen Bierdeckel und abgesehen von ein paar Renderszenen nimmt man kaum Notiz davon. Das ändert aber nichts daran, dass Core Design auch hier ganz klar eine Frau zur zentralen Figur gemacht haben. Von Girl-Power wie bei Lara Croft kann bei Miss Stride aber leider wirklich nicht die Rede sein. Sicher, auch Tomb Raider hat mit den optischen Reizen seiner Heldin nicht gegeizt. Miss Stride wurde aber wirklich von Kopf bis Fuß als reine Sexbombe designt, inklusive notgeilem Sidekick. Ausgezahlt hat sich das offenbar nicht, denn während die Schatzjägerin zu einer Pop-Ikone wurde, ist Machine Head schnell wieder von der Bildfläche verschwunden.

1996 schickte Core Design gleich zwei Frauen ins Rennen um die Action-Krone.

Mit dem Vehikel ist es natürlich kein reinrassiger Ego-Shooter, aber doch nah dran.

 

Auch die Presse betonte damals nur zu gern den Sexappeal der Heldin. (Play Magazine Easter 1996 via Core-Design.com Tribute Fan Site)

Candy Monroe aus Mortal Coil: Adrenalin Intelligence

Sogar noch ein Jahr vor Blam! Machinehead erschien über Virgin Interactive ein DOS-Spiel namens Mortal Coil: Adrenalin Intelligence. Also im gleichen Jahr wie die Vollversion von Rise of the Triad, das im Artikel nicht zu Unrecht als ein Pionier in Sachen weibliche Shooter-Protagonistinnen beschrieben wird. Das überambitionierte Mortal Coil ging damals aber gleich mehrere Schritte weiter und warf mit neuen Ideen nur so um sich. Hier ist die spielbare Frau nicht nur ein weiterer Charakter, sie ist der Star. Auf dem ausgesprochen hässlichen Cover ist sie gleich doppelt zu sehen und in der gut vierzehn(!) Minuten langen Introsequenz spielt sie natürlich die Hauptrolle. Candy Monroe klingt zwar mehr nach Pornostar als nach Girl Power, aber sie wird in erster Linie als harte Superagentin inszeniert, die jedem (Mann) die Stirn bietet, kein Blatt vor den Mund nimmt und einem rücksichtslos in die Weichteile tritt. Fast ein wenig wie ein weiblicher Duke Nukem, nur hatte der seinen großen 3D-Auftritt erst einige Monate später. Bis zur obligatorischen Duschszene und dem freien Blick auf ihre überbordende Weiblichkeit dauert es allerdings trotzdem keine zwei Minuten…

Im Kampf gegen insektenartige Alien-Terroristen ist sie die letzte Hoffnung der Menschheit. Als Anführerin eines vierköpfigen Teams und mit dicken Knarren bewaffnet schlägt sie sich daher widerwillig durch das Dickicht eines grobpixeligen Dschungels oder erkundet Tempel und Bunkeranlagen. Besagtes Team ist dabei eine weitere Innovation. Ähnlich den späteren Taktik-Shootern wie Rainbow Six (das erst drei Jahre später erschien) können die Spieler/innen im Einsatz zwischen den Agenten wechseln und ihnen auch Befehle erteilen. Auch verschiedene Ausrüstung und ein rudimentäres Inventarsystem sind vorhanden. Selbst eine optionale Third-Person-Kamera und sogar Fahrzeuge haben es ins Spiel geschafft.

Gute Ideen allein machen aber bekanntlich noch kein gutes Spiel. Was sich auch hier wieder bewahrheitet, denn leider ist die Umsetzung bestenfalls durchwachsen, um es nett zu formulieren. Es sieht ziemlich bescheiden aus und stellenweise ist es sogar nahezu unspielbar, weil manche Dinge wirklich schlecht designt wurden oder ganz einfach verbuggt sind. Das Entwicklerteam von Crush Ltd. hatte sich offensichtlich völlig übernommen. Kein Wunder also, dass Rise of the Triad bis heute einen gewissen Kult-Status genießt während Mortal Coil seither nur noch für diesen humorvollen Verriss herhalten durfte und sich sonst niemand mehr daran erinnert. Doch auch wenn es letztlich kein gutes Spiel ist, bleibt es dennoch ein interessantes Puzzleteil in der Geschichte von Frauen als Shooter-Heldinnen.

Das Cover erinnert an Starship Troopers. Verhoevens Film startete aber erst 1997. (via MobyGames)
So fortschrittlich die Ideen auch waren, technisch war Rise of the Triad deutlich besser.
Im Taktik-Modus koordinierte man das ganze Team. Mit Space Hulk (DOS, Amiga) probierte EA bereits 1993 etwas Ähnliches.