Multidimensionale Orgien in Lust for Darkness

Sex ist wirklich eine wunderbare Sache, aber sobald Videospiele versuchen, es zu einem zentralen Bestandteil ihrer Handlung oder gar des Gameplays zu machen, wird es meist unfreiwillig komisch und in seltenen Fällen geradezu abstoßend. Ein wenig skeptisch war ich daher schon, als das Horror-Adventure Lust for Darkness auf Kickstarter auftauchte. Zum Glück zu Unrecht, denn das polnische Indie-Team hat tatsächlich versucht, aus dem Mix aus Horror, Erotik und einer Prise Lovecraft keine platte Peepshow zu machen.

Genau wie einst James Sunderland bekommt auch hier der Protagonist einen Brief von seiner verloren geglaubten Frau. Offenbar wird sie in einem alten Anwesen festgehalten und er soll sie nun dort treffen. So richtig glauben mag er das nicht, aber letztlich siegt doch die Hoffnung und schon kurze Zeit später schleicht ihr zwischen maskierten Herrschaften umher, die zwar nach Eyes Wide Shut aussehen, aber noch viel bizarrere Dinge im Schilde führen als nur Orgien zu feiern. Sie sind Anhänger eines uralten Kultes, der an eine Parallelwelt namens Lusst’ghaa glaubt und ihr taucht ausgerechnet in der Nacht dort auf, in der sie mit einem mörderischen Ritual die Tore zu besagter Welt weit aufstoßen wollen.

Doch so unzüchtig sich das Drumherum auch präsentieren mag, bei den Spielmechaniken zeigt sich Lust for Darkness dann doch eher bieder denn experimentierfreudig. Wer tatsächlich ein richtiges Adventure erwartet, der fühlt sich im besten Fall maßlos unterfordert. Die meiste Zeit schlendert ihr nämlich relativ gemütlich durch die prunkvollen Korridore und Zimmer ohne dabei vor allzu große Aufgaben gestellt zu werden. Puzzles gibt es nur eine handvoll und die verdienen den Namen leider nur bedingt. In wirklicher Gefahr befindet ihr euch auch nur selten und wenn, dann läuft es in der Regel auf simple Versteckspiele oder Fluchtszenen hinaus, die fast immer problemlos im ersten Versuch zu schaffen sind.

Was übrig bleibt ist also im Grunde ein Walking-Simulator und damit dürfte es wohl für viele eingefleischte Horror- sowie Adventure-Fans direkt wieder von der Wishlist fliegen. Und auch ich hätte mir mehr Interaktivität gewünscht, arrangierte mich letztlich aber doch recht schnell mit dem Design. Grund dafür ist aber nicht etwa die doch recht löchrige und letztlich auch ein wenig unbefriedigende Geschichte, sondern in erster Linie die ausgesprochen gelungenen Umgebungen sowie die mal mysteriöse, mal frivole Atmosphäre. Natürlich gewinnt auch dieses Anwesen keine Innovationspreise, aber man sieht dem Interieur des viktorianischen Bauwerks an, dass es mit Hingabe aus dem virtuellen Stein gemeißelt wurde. Der vergleichsweise pikante Einrichtungsstil mit seinen unzähligen Gemälden, Statuen und BDSM-Spielzeugen animiert ebenfalls dazu, die Spielwelt genauer zu betrachten. Obendrein gibt es die regelmäßigen Wechsel in die teuflische Dimension von Lusst’ghaa, die auch einige visuelle Leckerbissen bereithält. Vom streng linearen Grundkonzept weicht zwar auch die Parallelwelt nicht ab, aber die albtraumhafte Mischung aus organischen und mechanischen Elementen ist unverkennbar an die außergewöhnlichen Werke von H.R. Giger und Zdzislaw Beksinski angelehnt.

Die wenigen – für meinen Geschmack brauchte es auch nicht mehr davon – richtigen Sexszenen sind im Vergleich zu dem was in diversen Hentai- und reinen Sex-Games geboten wird eher harmlos. Obwohl sie sicher nicht den Reiz eines gut gemachten Erotik-Thrillers bieten, fand ich sie im Gegensatz zu den meisten Darbietungen anderer Spiele jedoch durchaus geschmackvoll inszeniert. Letzlich ist Erotik aber nun mal äußerst subjektiv und was für den einen reizvoll oder zumindest interessant erscheinen mag, wird manch anderem wohl nur ein Gähnen entlocken.

Letzte Worte
Lust for Darkness gehört zu den wenigen Spielen, die zumindest versuchen, das Thema Erotik etwas stilvoller anzugehen und dafür gebührt dem Team von Movie Games Lunarium schon ein kleines Lob. Ein Vorzeigetitel für „Erwachsene“ ist es dadurch aber leider noch lange nicht. Die Schwächen bei der Story und das eher anspruchslose Gameplay lassen dafür zu viel Raum für Verbesserungen in einem möglichen Nachfolger, den ich definitiv spielen würde. Diese Makel sind aber vermutlich auch zum Teil dem bescheidenen Budget geschuldet und die gelungene Optik konnte mich ein wenig darüber hinwegtrösten.

About Poly

Roberto (aka Poly) hat Polygonien 2012 gegründet, weil er der Indie-Szene etwas zurückgeben und auf die vielen Perlen aufmerksam machen wollte. Er ist mit dem Mega Drive aufgewachsen, hält den Dreamcast für die beste Konsole aller Zeiten und besitzt viel zu viele Videospiele. Nebenbei ist er noch Co-Admin von Sega-DC.de und schreibt Gast-Artikel für befreundete Games-Blogs.

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