Im Rollstuhl durch die Finsternis: The Last Cargo

Schon im Oktober 2013 entdeckte ich auf Indiegogo „The Last Cargo“ vom polnischen Entwicklerduo Ehnenu. Die düstere Vision eines Horror-Spiels in Top-Down-Perspektive, dessen Protagonist an einen Rollstuhl gefesselt ist, faszinierte mich vom ersten Moment an und so unterstützte ich das Projekt. Die Kampagne scheiterte aber leider kläglich und es wurde schnell wieder still um The Last Cargo. Entsprechend groß war dann die Freude, als ich im März diesen Jahres trotzdem eine Dankesmail und einen Steamkey in meinem Postfach fand.

Das Rattern von Zahnrädern und das Quietschen von Stahlseilen sind das erste, das ihr bei eurem Erwachen wahrnehmt. Ihr findet euch im Inneren eines heruntergekommenen Fahrstuhls wieder und könnt euch an nichts erinnern. Noch viel schlimmer ist aber, dass ihr mit tauben Beinen in einem klapprigen Rollstuhl sitzt. Doch obwohl diese kalten, stählernen Wände sicher keine Gemütlichkeit ausstrahlen, werdet ihr sie schon bald zu schätzen wissen. Ohne Erinnerung in einer albtraumhaften Umgebung gefangen, die ihr nicht versteht und aus der es kein entrinnen zu geben scheint, wird nämlich eben jener Fahrstuhl fortan zu eurem einzigen Zufluchtsort.

Nur hier seid ihr vor dem geschützt, was auf den Etagen dieser unwirklichen Welt lauert und nur hier könnt ihr vielleicht ein paar Antworten erhalten. Auf eurem Weg zur nächsten Etage spricht immer wieder eine Stimme zu euch. Doch statt eine Erklärung zu liefern, wirft sie nur immer mehr Fragen auf. Sie behauptet, ihr hättet euren freien Willen „gespendet“, um einem völlig hilflosen Menschen dabei zu helfen, seine Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Ist es also vielleicht am Ende doch nicht nur ein Albtraum, sondern gar ein makabres Experiment?

Die Kameraden an den Wänden sind harmlos, solange ihr dem System gehorcht.

Keine Zeit zum Durchatmen

Um das herauszufinden, müsst ihr das Spielchen wohl oder übel mitspielen. Sobald ihr den Aufzug verlasst, seid ihr auf euch allein gestellt und müsst ihr einer ebenso finsteren wie verwinkelten Bunkeranlage nach einem Terminal suchen. Das sogenannte Cargo Management System gibt euch dann eine Aufgabe und wenn ihr selbige abgeschlossen habt, dürft ihr wieder in den Fahrstuhl zurückkehren. Das System hat insgesamt fünf verschiedene Aufgaben auf Lager, die ihr nach dem Zufallsprinzip zugeteilt bekommt. Allzu anspruchsvoll ist zwar keine davon, aber ein Spaziergang wird es trotzdem nicht. Auf jeder Etage wimmelt es nur so von merkwürdigen Drohnen, die ziellos umherirren und sich nur zu gern mit euch in die Luft jagen. Sobald ihr das Terminal aktiviert und die Aufgabe gestartet habt, bekommt ihr es außerdem noch mit einer (beinahe) unbesiegbaren Killermaschine zu tun, die euch schon bei der kleinsten Berührung direkt ins Jenseits befördert.

Obwohl ihr von Beginn an mit einer Art Schrotflinte bewaffnet seid, die ihr mit klassischer Streumunition sowie Leuchtraketen und Explosivmunition laden könnt, solltet ihr keinen Top-Down-Shooter erwarten. The Last Cargo versteht sich vielmehr als Survival- und Stealth-Game, was durch die Roguelike-Elemente noch verstärkt wird. Kämpfen sollte stets eure letzte Option sein, denn ihr habt nur wenige Schuss Munition und ihr dürft eines nicht vergessen: mit der Waffe im Anschlag könnt ihr den Rollstuhl nicht mehr bewegen. Ihr könnt nicht wie gewohnt einfach die Beine in die Hand nehmen und wegrennen, denn ihr seid nun mal an diesen Rollstuhl gefesselt.

Es dauert einen Moment, bis ihr in Fahrt kommt und Richtungswechsel sind aufgrund des Wendekreises nicht ganz einfach. All das erfordert ein bedachteres Vorgehen und darum hat man euch mit einem Radar ausgestattet, der euch alle Drohnen in der unmittelbaren Umgebung anzeigt. Wenn man die Anzeigen stets im Auge hat und sich richtig positioniert, dann kann man die Drohnen auch gezielt zur Explosion bringen, ohne dabei selbst Schaden zu nehmen. Das erfordert zwar ein wenig Übung, wird aber schnell zu einer eurer wichtigsten Taktiken im Spiel. Neben dem Radar habt ihr noch ein weiteres Werkzeug, das für euer Überleben unerlässlich ist: den Pulse. Durch die Bewegung eures Rollstuhls könnt ihr eine Art Batterie aufladen und in brenzligen Situationen eine Druckwelle ausstoßen, die alles in eurer Umgebung kurzzeitig lähmt. Doch es ist nicht nur ein unverzichtbarer Lebensretter, sondern auch eine sparsame Möglichkeit, um Fenster zum Bersten zu bringen und so Durchgänge zu schaffen.

Das Grundlayout der Etagen beschränkt sich zwar auf eine handvoll Varianten, aber die Platzierung von Türen, Fenstern, Terminals und vielen anderen Dingen ist dem Zufall überlassen. Wer überleben will, muss nicht nur vorsichtig vorgehen, sondern dabei die Etage auch nach Loot absuchen, das euch das Leben etwas erleichtert. In Kisten und Taschen finden sich neben Heilkräutern und kostbarer Munition auch noch Dinge wie Nahrung und Wasser, die nötig sind, um eure Lebensenergie und Stamina auf einem akzeptablen Niveau zu halten. Mindestens genauso wichtig sind Batterien für eure Taschenlampe und Kerzen, denn ohne diese Lichtquellen lauft ihr schnell Gefahr, Feinde oder Loot zu übersehen. Wer genügend brennbares Material findet, der kann sogar ein kleines Lagerfeuer machen, auf dem ihr beispielsweise sonst ungenießbare Nahrung zubereitet oder zusätzliche Gegenstände craftet.

Zu guter Letzt gibt es auch noch sogenannte Adaptations, die auch über mehrere Durchgänge hinweg Vorteile verschaffen. Ähnlich den Talenten in einem Rollenspiel könnt ihr euch zum Beispiel ein größeres Inventar, mehr Lebensenergie oder einen besseren Radar erkaufen. Die dafür nötigen Tokens bekommt ihr als Belohnung für den Abschluss einer Etage und manchmal findet ihr sie auch in Form von Loot. Von den insgesamt 18 Talenten, die ihr jeweils in drei Stufen ausbauen könnt, ist jedoch zu Beginn nur die Hälfte verfügbar. Wer die anderen haben will, der muss auf den Etagen nach unscheinbaren Rissen suchen, die nach Beschuss mit der seltenen Explosivmunition einen geheimen Raum preisgeben. An den darin befindlichen Automaten kann man dann im Austausch für einen Großteil seiner Lebensenergie eines der begehrten Talente freischalten.

Aus der Vogelperspektive lässt sich natürlich nur schwer ein Grafikfeuerwerk abbrennen, aber The Last Cargo will sowieso, dass ihr immer nur einen kleinen Teil der Spielwelt sehen könnt. Die spärliche Beleuchtung bildet nicht nur ein wichtiges Element der Spielmechanik, sondern trägt auch wesentlich zur unbehaglichen Stimmung bei. Und die kalte, dreckige Farbpalette unterstützt diesen Effekt noch. Leider merkt man aber auch gerade beim Design der Gegner sowie den Umgebungen das ziemlich knappe Budget, denn es fehlt doch etwas an visueller Abwechslung.

Hinter solchen Rissen verstecken sich Automaten mit wertvollen Verbesserungen.

Und dennoch bin ich immer wieder in den Fahrstuhl des Grauens gestiegen, was The Last Cargo neben der irgendwie speziellen Atmosphäre vor allem der gelungenen Balance von Risiko und Belohnung zu verdanken hat. Klar, man kann versuchen, auf dem kürzesten Weg die Aufgabe zu erfüllen und die Etage abzuschließen, aber dann könnte man ja wertvolles Loot oder gar eine der seltenen Adaptations verpassen. So war ich immer am abwägen, ob ich jetzt schnell in den Fahrstuhl flüchte oder lieber noch den einen Raum am anderen Ende der Etage durchsuche. Oft habe ich mich für letzteres entschieden und nicht selten schlug mir anschließend das Herz bis zum Hals. Wenn man sich mit der Killermaschine im Nacken durch die Drohnen manövriert und mit letzter Kraft versucht, noch irgendwie an die versteckte Adaptation zu kommen, dann ist Nervenkitzel garantiert. Stirbt man, dann ist der ganze Fortschritt (im Schnitt 15-30 Minuten) verloren und man muss die Etage erneut spielen, aber dafür fühlt es sich umso besser an, wenn man alles mitgenommen hat.

Die Entwickler sind überzeugte Atheisten und wollen laut eigener Aussage mit The Last Cargo auch ein kleines Zeichen gegen (vor allem religiöse) Indoktrination setzen. Das wurde auch schon im Trailer zur Crowdfunding-Kampagne deutlich, wo sie ganz offen ihre Abneigung gegenüber der Kirche inszenierten. Vor dem Protagonisten stürzte ein riesiges Jesus-Kreuz zu Boden und anschließend wuchsen aus dem Leib des Messias riesigen Spinnenbeine. Über die Jahre sind sie aber wohl etwas gelassener geworden oder sie wollen die Gläubigen einfach nicht so offensichtlich vor den Kopf stoßen, denn von offener Kritik an der Kirche ist in der finalen Version des Spiels nichts mehr zu finden. Stattdessen ist alles sehr kryptisch gehalten und obwohl ich inzwischen vier der insgesamt sechs verschiedenen Enden gesehen habe, gibt sie mir noch immer Rätsel auf.

Fazit
Eine lange und steinige Entstehungsgeschichte hat leider nur selten positive Auswirkungen auf das Endprodukt und auch The Last Cargo wäre mit der erhofften Finanzspritze sicher ein besseres Spiel geworden. Trotzdem bin ich wirklich froh, dass Ehnenu sich irgendwie durchgebissen und an ihrer Idee festgehalten haben. Denn allen Schwächen zum Trotz ist The Last Cargo ein ungewöhnlicher und aufregender Horror-Titel geworden, der zeigt, dass die Protagonisten auch gerne mal eine Behinderung haben dürfen. Das ist nämlich nicht nur im Hinblick auf Diversität gut, sondern kann sogar als Basis für interessante Spielmechaniken dienen. Zu schade, dass solche Konzepte wohl auch in Zukunft die absolute Ausnahme bleiben werden.

PS: Einen lesenswerten Artikel zum Thema Behinderung in Videospielen findet ihr bei den Kollegen von Spielkritik.


About Poly

Roberto (aka Poly) hat Polygonien 2012 gegründet, weil er der Indie-Szene etwas zurückgeben und auf die vielen Perlen aufmerksam machen wollte. Er ist mit dem Mega Drive aufgewachsen, hält den Dreamcast für die beste Konsole aller Zeiten und besitzt viel zu viele Videospiele. Er ist Co-Admin von Sega-DC.de, schreibt Gast-Artikel für befreundete Games-Blogs und hilft auf Buy Some Indie Games aus.

2 Comments

  1. Kartodis

    / Antworten

    Sehr interessante Idee, die da umgesetzt wurde. Den Protagonisten in einen Rollstuhl zu setzen, ist schon was Neues. Die Spielidee selbst, klingt auch nicht verkehrt. Wie eine Mischung aus Survival, Horror und Lootgame. Werde ich mir bestimmt holen.
    Danke für das Review!


    • Poly Post author

      / Antworten

      Ich glaube, dass solche Einschränkungen des Charakters wirklich tolle Mechaniken hervorbringen können, aber die Entwickler (und vielleicht auch wir Spieler?) sind da offenbar noch etwas skeptisch. Immerhin gab es in den letzten Jahren gleich mehrere Experimente (u.a. Perception, Beyond Eyes, Pulse), die auf verschiedene Arten Blindheit als Mechanik/Thema aufgegriffen haben. Wenn du es irgendwann mal gespielt hast, kannst du mir ja hier oder auf Twitter berichten 🙂


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