Do as the white man does – Herald: An Interactive Period Drama Book I & II im Test

Devan Rensburg ist alles andere als ein geborener Seemann. Er ist eher schmächtig, recht intelligent und er lässt sich nicht gern herumkommandieren. Trotzdem heuert er an einem schicksalhaften Tag im Jahr 1857 auf der HLV Herald an. Das prächtige Handelsschiff ist das Prunkstück in der stolzen Flotte des Protektorats, doch Devan ist das ziemlich egal. Er strebt nicht nach Ruhm oder Reichtum, er sucht nach etwas viel Wertvollerem: seiner Identität.

Wer sich nicht ganz so gut in Geschichte auskennt, der wird sich jetzt sicher fragen, wer oder was dieses Protektorat noch gleich war. Nun, im 19. Jahrhundert haben sich die Nationen des Westens zu einer globalen Supermacht zusammengeschlossen, die unter der Führung eines gewählten „Lord Protector“ über den Großteil der bekannten Welt herrschte. Okay, vielleicht entspricht das nicht ganz den historischen Tatsachen, aber in Wispfires Herald: An Interactive Period Drama sieht die Welt genau so aus. Für seinen kommerziellen Debüt-Titel hat sich das Niederländische Indie-Studio also ein paar künstlerische Freiheiten genommen, doch das macht ihre Geschichte nicht weniger lebensnah.

Mensch zweiter Klasse

Devan ist zwar in der Hauptstadt des Protektorats aufgewachsen, aber seine dunkle Hautfarbe lässt keinen Zweifel daran, dass seine Wurzeln in den Kolonien liegen. Obendrein hat er keine Ahnung von der Seefahrt und somit steht er zunächst ganz unten in der Hierarchie des Schiffes. An Bord der Herald bekommt ihr dann auch schnell zu spüren, dass in den Augen des Protektorats und seiner getreuen Anhänger nicht alle Menschen gleich sind. Natürlich muss es auf einem Schiff klare Regeln, Disziplin und eine gewisse Hackordnung geben, aber gerade in der Kolonialzeit fußte diese Ordnung nicht zuletzt auf Vorurteilen oder gar blankem Rassismus. Wie Devan damit umgeht, liegt vor allem an euch, den Spielern.

Herald spielt sich zwar eher wie ein klassisches Point & Click Adventure, aber im Fokus stehen ganz klar die Gespräche mit der Crew und den Passagieren an Bord. Statt euch bei raffinierten Rätseln den Kopf zu zerbrechen und Items zu kombinieren, führt ihr in erster Linie die banalen Befehle eurer Vorgesetzten aus. Und während ihr dem Kapitän und seinen Gästen den Tee serviert oder in der Kombüse aushelft, kommt ihr mit den unterschiedlichen Charakteren ins Gespräch. Auf diese Weise lernt ihr aber nicht nur die anderen besser kennen, sondern formt mit euren Antworten auch nach und nach Devans Persönlichkeit. Die Wahl fällt dabei nicht immer leicht, denn die Entwickler haben sich viel Mühe gegeben, das Schiff mit vielschichtigen Figuren zu bevölkern, deren Beweggründe sich nicht immer gleich mit gut oder böse abstempeln lassen. Die absolut erstklassigen (aber leider nur englischen) Synchronsprecher unterstreichen diesen Anspruch noch.

Bemerkenswert ist dabei auch, dass die Herald zwar nur aus einer handvoll Räumen und Decks besteht, sich als Location aber dennoch nicht abnutzt. Das liegt zum einen natürlich an der moderaten Spielzeit von drei bis vier Stunden, zum anderen aber auch am exzellenten Spannungsbogen und der sehr liebevollen Optik. Letztere besticht durch einen Mix aus Comic-Umgebungen und traumhaft schönen 2D-Porträts. Die hin und wieder etwas hölzernen Animationen sind da schnell vergessen.

Fazit

Herald ist ein ebenso spannendes wie mutiges Abenteuer, das auf clevere Weise Themen anspricht, mit denen wir als Gesellschaft bis heute zu kämpfen haben. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass das Warten auf Book III & IV (erscheint als DLC) nach diesem verblüffenden Cliffhanger zu einer echten Qual werden dürfte.

Entwickler/Publisher: Wispfire | Genre: Adventure / Visual Novel / Historisch
Plattform: Windows / Mac / Linux | Release: Februar 2017 | Pad Support: nein
Offizielle Website | Preis: 9,99 € via Humble, Steam, GOG


About

Roberto (aka Poly) hat Polygonien 2012 gegründet, weil er der Indie-Szene etwas zurückgeben und auf die vielen Perlen aufmerksam machen wollte. Er ist mit dem Mega Drive aufgewachsen, hält den Dreamcast für die beste Konsole aller Zeiten und besitzt viel zu viele Videospiele. Er ist Co-Admin von Sega-DC.de, schreibt Gast-Artikel für befreundete Games-Blogs und hilft auf Buy Some Indie Games aus.

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